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Leitendes Verständnis pädagogischer Diagnostik

Junge Schülerinnen und Schüler stehen eng zusammengedrängt auf einem roten Teppich, jpg, 56.6 KB

Verknüpfung von pädagogischer Diagnostik und individueller Entwicklung

Der Entwicklungsplan Inklusion (pdf, 254.3 KB) (Entwurf) fordert die schulischen Akteure auf, "Verschiedenheit gezielt und in Kontinuität wahrzunehmen und diese Wahrnehmungen in das pädagogische Handeln zu integrieren". Im Fokus dieser pädagogischen Diagnostik stehen die Individuen, also die Schülerinnen und Schüler. Deren Identitätsentwicklung vom Kleinkind zur erwachsenen jungen Frau beziehungsweise zum erwachsenen jungen Mann soll so vorangebracht werden, dass die Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Schulzeit ihr berufliches und privates Leben erfolgreich meistern können.

Identitätsbegriff H. Petzold

Identität wird nach H. Petzold (2012) vor allem in dialogischen Prozessen zwischen dem Individuum und den Menschen in seinem Umfeld über Selbstbilder und Fremdbilder im Zusammenhang von "Ich"-Prozessen gebildet und in fünf Identitätssäulen gefasst:
Soziale Beziehungen, Leib-Seele-Gesundheit, Werte und Normen, materielle Sicherheit und sinnstiftende Arbeit.

Dialogsituationen als Kern von Lernprozessen in der Schule

Schule bietet Jungen und Mädchen, sowie erwachsenen jungen Frauen und Männern, im Kontext von pädagogischer Diagnostik, nicht nur Dialoge zu sinnstiftender Arbeit als Angebot von Schule, sondern auch zu den vier weiteren Säulen der Identitätsentwicklung an. So können Schülerinnen und Schüler die jeweils nächste Stufe ihrer Entwicklung erreichen. Dies berücksichtigt auch im Sinne Gardners die große Vielfalt von Entwicklung.

Diagnostische Erkenntnisse als Basis für Dialoge

Sieht man die individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler vom kleinen Kind zum erwachsenen Menschen im Zentrum der fünf Identitätssäulen Petzolds, dann liefert pädagogische Diagnostik im Kontext des Identitätsmodells Petzolds eine fundierte, systematische, an Gütekriterien orientierte Basis für Dialoge mit den Schülerinnen und Schülern. So wird ihre Persönlichkeitsentwicklung und damit auch ihre schulische Entwicklung im inklusiven Schulsystem weiter vorangebracht. Diese pädagogische Diagnostik ist mehrdimensional und folgt einem ganzheitlichen Ansatz.

Normen

Die Identitätsentwicklung der Schülerinnen und Schüler lässt sich auf individuelle, kriteriale und soziale Bezugsnormen beziehen:

  • Selbstreflektive Verfahren, wie zum Beispiel die "Entwicklungssterne", gemeinsam von der Gesamtschule Farge und F. Sickinger aus dem Projekt TransKiGs heraus entwickelt, sind auf die individuelle Norm bezogen, das heißt auf die individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler.
  • Bildungspläne des Bundeslandes Bremen liefern die Basis für kriteriale Bezugsnormen,die sich in Instrumenten wie VERA oder auch über die didaktischen Kompetenzen der Lehrpersonen, die aufgrund von Teamabsprachen, Kompetenzrastern und schulinternen Curricula als Norm eingesetzt werden.
  • Soziale Bezugsnormen werden auch über die standardisierten Testverfahren, wie zum Beispiel, Mirola, VERA, CITO, KEKS, Parallelarbeiten und psychometrische Testverfahren in den pädagogischen Diagnostikprozess einbezogen.

Alle 5 Säulen werden im diagnostischen Prozesse mit einbezogen

Jede der fünf Säulen deckt definierte Bereiche der Identitätsentwicklung ab, die über jeweils spezifische diagnostische Verfahren erfasst werden können:

  1. Die Säule Soziale Beziehungen kann unter anderem durch Raster zur psychosozialen Situation (ILeA), unter Einbeziehung von Soziogrammen oder durch die Nutzung von Schülerbeobachtungsbögen systematisch diagnostisch bearbeitet werden.
  2. Sinnstiftende Arbeit der Schülerinnen und Schüler wird durch Verfahren auf verschiedenen Standardisierungsniveaus, wie die Hamburger Schreibprobe, KEKS, ILeA, sowie Portfolioarbeit, Lernentwicklungsberichte oder zentrale Abschlussprüfungen diagnostisch erfasst.
  3. Medizinische Diagnostik, wie sie zum Beispiel vor dem 1. Schuljahr oder in der Diagnose von Hör- oder Sehfähigkeit genutzt wird, findet ebenso ihren Eingang in die pädagogische Diagnostik. Die medizinische Diagnostik hat logischerweise eine große Nähe zur Identitätssäule Leib-Seele-Gesundheit.
  4. Die oben genannten Raster zur psychosozialen Situation der Schülerinnen und Schüler umfassen häufig auch die materielle Lebenssituation und beziehen so auch die Säule materielle Sicherheit mit ein. Im Zusammenhang mit dieser Säule ist in besonderem Maße die pädagogische Beobachtungskompetenz der Kolleginnen und Kollegen im Rahmen von pädagogischer Diagnostik in diesem sehr sensiblen Feld auch im Kontext zum "Bremer Bildungspaket" gefordert.
  5. Die Säule Werte und Normen kommt über die Wahrnehmung interkultureller Verschiedenheit der Schülerinnen und Schüler zum Tragen und wird in der Praxis zum Beispiel durch Berücksichtigung sprachlicher Barrieren, durch hohe fachliche interkulturelle Kompetenz als Basis für pädagogische Beobachtungen in diesem diagnostischen Bereich verwirklicht. Die Beobachtungen können beispielsweise in Schülerbeobachtungsbögen oder in Lehrerinnentagebüchern dokumentiert und reflektiert sowie im kollegialen Austausch validiert werden.

Weitere Definitionen pädagogischer Diagnostik werden eingesetzt

Definitionen pädagogischer Diagnostik, wie beispielsweise von L. Paradies, H. Linser und J. Greving (2011), dem Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (2008) oder aus dem Instrument ILeA (LISUM, 2010), lassen sich den verschiedenen diagnostischen Kontexten zuordnen und präzisieren die Aussagekraft der verschiedenen diagnostischen Vorgehensweisen.

Strukturgebende Begriffe

Das leitende Verständnis Pädagogischer Diagnostik orientiert sich an den Dimensionen des Index für Inklusion (pdf, 733.9 KB) (Boban & Hinz, 2003).

Kulturen - Strukturen - Praktiken
Diese Dimensionen werden über die volle Spannweite pädagogischer Diagnostik entfaltet. Die verschiedenen Ebenen werden so gestaltet, dass sich ein stimmiges Bild pädagogischer Diagnostik ergibt:

Kulturen:

  • Bremer Schulgesetz aus dem Jahr 2009 verankert Inklusion für das Bremer Schulsystem

Strukturen:
Die landesweit vergleichbaren Strukturen pädagogischer Diagnostik ergeben sich einmal durch zeitliche Bedingungen zur Gestaltung der Übergänge: KITA/Grundschule, Grundschule/SEK I, SEK I/SEK II. Praktisch jeder Übergang macht die Bestimmung von Lernausgangslagen sinnvoll, weil den Kolleginnen und Kollegen die Schülerinnen und Schüler nicht bekannt sind. LRS-Screeening-Verfahren, VERA-3 und VERA-8, sowie die zentralen Abschlussprüfungen sind ebenso zeitlich fest verankert. ZUP und ReBUZ bieten eine interne beziehungsweise externe institutionelle Struktur für pädagogische Diagnostik eher seltener Entwicklungsverläufe. Hier haben Förderdiagnostik und Feststellungsdiagnostik ihre institutionelle Anbindung.

Praktiken:
Vor Ort setzen die Schulen weitere diagnostische Verfahren nach interner Abstimmung ein:
Von der Gestaltung der Übergänge bis hin zu Verfahren der Standardsicherung oder der Nutzung unterrichtlicher Verfahren wie Lerntagebücher, Portfolios sowie die Nutzung vorhandener schulischer Praxis: Aktenführung, Schülersprechtage, Elternsprechtage und Zeugniserteilungen in verschiedener Form.

Umsetzung im Rahmen des Landesinstitut für Schule Bremen

Alle Abteilungen des LIS nutzen miteinander vernetzt die große Bandbreite und Tiefe der oben beschriebenen pädagogischer Diagnostik, setzen sie in ihren Bereichen um, bearbeiten die Schnittstellen zur Bildungsbehörde, ReBUZ sowie den Schulen und stellen Materialien für die Praxis zur Verfügung, um auch über Aus- und Fortbildung der diversen Zielgruppen sicherzustellen, dass die große Zahl von relevanten Informationen pädagogischer Diagnostik gesammelt, dokumentiert und in Dialogen mit den Beteiligten und, soweit möglich, unter aktiver Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler für ihre individuelle Entwicklung, nutzbar gemacht werden kann.

Leitendes Verständnis (pdf, 21.6 KB) zum Herunterladen

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Paradies, L., Linser H., & Greving, J. (2011). Diagnostizieren, Fordern und Fördern (4. überarbeitete Auflage). Berlin: Cornelsen Scriptor.

Petzold, H. (2012). Transversale Identität und Identitätsarbeit - Die Integrative Identitätstheorie als Grundlage für eine entwicklungspsychologisch und sozialisationstheoretisch begründete Persönlichkeitstheorie und Psychotherapie – Perspektiven „klinischer Sozialpsychologie“. In H. Petzold (Ed.), Identität: Ein Kernthema moderner Psychotherapie – Intderdisziplinäre Perspektiven (pp. 407-605). Wiesbaden: VS Verlag.